MfS-Auflösung

Die letzten 100 Tage der Kreisdienststellen des MfS auf dem Territorium des heutigen Landes Brandenburg – Eckdaten

Welche Entwicklungen führten 1989/90 zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit? Weshalb brach die Arbeit einer gefürchteten Geheimpolizei zusammen? Wie verlief der Prozess, der zu diesem Ende führte? Warum sah sich das MfS überhaupt genötigt, auf die Ereignisse zu reagieren und seine Arbeit umzustrukturieren? Welche Ereignisse beförderten diesen Prozess?
Ein wichtiges Datum ist mit dem 7. Mai 1989 verbunden, es ist der Beginn einer Ereigniskette, die zum Ende der DDR führte, aber nicht zwangsläufig zur Auflösung des MfS. Am 7. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt, vom Volksmund „Zettelfalten“ genannt. Denn Wählen bedeutete damals, den Wahlvorschlag der „Nationalen Front“, eine Einheitsliste, zu falten und vor aller Augen in die Urne zu werfen. Wer dem Vorschlag nicht zustimmen wollte, musste jeden Namen einzeln durchstreichen. Schon das Benutzen der Wahlkabine fiel auf und wurde registriert. An vielen Orten in der DDR und auch in Brandenburg kontrollierten an diesem Tag Mitglieder von oppositionellen Gruppen die Stimmenauszählung in den Wahllokalen. Vielerorts wurden Unregelmäßigkeiten festgestellt, was zu Protesten, Eingaben und Anzeigen führte. Die Aufdeckung der Wahlfälschung wurde zum landesweiten Beginn des politischen Aufbruchs gegen das SED-Regime im Jahr 1989.
Gleichzeitig stieg im Sommer des Jahres die Zahl derjenigen, die über Ungarn oder bundesdeutsche Botschaften in Polen und der CSSR die DDR verlassen wollten, sprunghaft an. Am 4. September kam es zur ersten „Montagsdemonstration“ in Leipzig. Nur wenige Tage später begann die Gründungsphase von Bürgerbewegungen und neuen Parteien. Dazu gehörten die Bürgerbewegung Neues Forum, Demokratie Jetzt, der Demokratische Aufbruch, die SDP und viele andere.
Der Aufruf „Aufbruch 89“ des Neuen Forums verbreitete sich in Windeseile in der gesamten DDR. In der Babelsberger Friedrichskirche in Potsdam wurde er am 4. Oktober vor Hunderten von Besucherinnen und Besuchern verlesen, viele unterschrieben ihn spontan. In den folgenden Tagen und Wochen kam es in den Brandenburger Städten und Kreisen zu Demonstrationen, die wie in Potsdam von der Polizei noch unterdrückt und bekämpft wurden. Am 30. Oktober, am 1. und 4. November demonstrierten in den Bezirksstädten Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam 60 000 bis 70 000 Menschen für mehr Demokratie. Das Ausmaß der Teilnahme an den vielen Demonstrationen an kleineren Orte ist weniger bekannt geworden.
Am 7. November 1989 trat die Regierung der DDR zurück, mit ihr der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. Am 18. November 1989 wurde Erich Honecker, Generalsekretär der SED, gestürzt. Am selben Tag wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt, denn der Protest richtete sich immer stärker gegen das MfS und seine Überwachungs- und Verfolgungspraktiken. So versuchte der neue Ministerpräsident der DDR, Hans Modrow, den Geheimdienst zu einem Amt für Verfassungsschutz zu deklarieren. Neuer Chef des Geheimdienstes wurde Wolfgang Schwanitz, der ehemalige Stellvertreter von Erich Mielke.
Am 4. Dezember besetzen Bürgerinnen und Bürger die Kreisdienststelle (KD) Rathenow des MfS, um die Vernichtung von Akten zu verhindern. Sie waren mit den Frauen, die am Abend dieses Tages die Bezirksdienststelle in Erfurt besetzten, die ersten Akteure, die dem MfS die Stirn boten. In den folgenden Tagen kam es auch vor anderen Brandenburger Bezirks- und Kreisdienststellen des MfS zu Demonstrationen und zu Begehungen, um die Vernichtung der Akten zu verhindern.
Heute ist bekannt, dass am 4. November 1989 der Befehl erging, die Kreisdienststellen (KD) des MfS bis zum 12. Dezember 1989 aufzulösen und die wesentlichen Aktenbestände in die Bezirksdienststellen zu verbringen. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Was passierte in den Kreisdienststellen des MfS/AfNS auf dem Territorium des heutigen Landes Brandenburg in jener Zeit? Welche Befehle erhielten die MfS-Mitarbeiter von der Führung? Wie reagierten sie auf die Proteste? Wann erahnten sie ihre drohende Niederlage? Welche Akten und in welchem Ausmaß zerstörten oder verlagerten sie diese Belege der geheimpolizeilichen Arbeit? Wann begannen sie die Zusammenarbeit mit ihren Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) einzustellen und welche beruflichen Alternativen suchten sie? Wann stellten die KD in Brandenburg faktisch ihre Arbeit ein und wie verlief die Auseinandersetzung mit Vertreterinnen und Vertretern der Bürgerkomitees, der Kirchen, der Justiz und den staatlichen Verwaltungen vor Ort?
Diese Fragen sollen exemplarisch in mehreren ehemaligen Kreisen auf dem Territorium des heutigen Landes Brandenburg untersucht werden. Ausgangsmaterial für die Forschungen sind dabei die noch vorhandenen Akten des MfS/AfNS. Ergänzt werden soll die Aktenauswertung mit Interviews von damals Beteiligten – nach Möglichkeit auf beiden Seiten des Umbruchs.